Der Notarzt immer online

In Zukunft wird es immer mehr Rettungseinsätze geben, denn die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Problem: Die Zahl der Notärzte ist begrenzt. In einem Pilotprojekt arbeitet die RKiSH an Lösungen, um die Versorgungsqualität auch in Zukunft zu halten.

Eins ist sicher: Die Einsatzzahlen werden künftig stark steigen – eine große Herausforderung für die Rettungsdienste im ganzen Land. Durch den demografischen Wandel benötigen immer mehr ältere Menschen Hilfe, etwa nach einem Sturz, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Zahl der zur Verfügung stehenden Notärzte wird aber nicht im gleichen Maße steigen wie die Zahl der Notfälle. Um die Patientensicherheit auf dem gewohnt hohen Niveau zu halten, arbeitet die RKiSH bereits an tragfähigen und nachhaltigen Lösungen.

Notärzte da, wo sie gebraucht werden

Zwei Ansätze bewerten wir als vielversprechend: Zum einen müssen die Notfallsanitäter auf einem hohen Niveau ausgebildet werden. Zum anderen müssen Notärzte zielgenauer dort Patienten versorgen, wo sie wirklich gebraucht werden. Die wissenschaftliche Auswertung eines Pilotprojekts in Aachen (TemRas, Telemedizinisches Rettungsassistenzsystem, 2010–2013) hat ergeben, dass 25 bis 30 Prozent der Notarzteinsätze rückblickend betrachtet nicht nötig gewesen wären.

Infos zu Telemetrie

Bei diesem medizinischen Verfahren werden Messwerte des Patienten per Datenfernübertragung an einen Arzt übertragen. Er wertet die Daten aus und erstellt einen Befund. Entwickelt wurde die Telemetrie Ende der 50er-Jahre, als die NASA die Gesundheit ihrer Astronauten in der Umlaufbahn überwachen wollte. Sie stattete ihre Raumfahrer mit Sensoren aus. Diese funkten die gemessenen Werte wie Pulsfrequenz oder Blutdruck zu den Medizinern auf die Erde. Heute soll das Verfahren helfen, die Qualität im Rettungsdienst zu verbessern.

Der Grund für diese Einsätze sind Zweifelsfälle: Wenn der Notruf nach einem medizinisch schwierigen Fall klingt, alarmiert die Leitstelle neben den Rettungsassistenten und Notfallsanitätern automatisch auch einen Notarzt zum Einsatzort. Und auch für die Rettungskräfte am Einsatzort ist es nicht immer einfach, sofort eine exakte Diagnose zu stellen. Deshalb rufen auch sie im Zweifel den Arzt an den Einsatzort und stellen damit die bestmögliche Versorgung der Patienten sicher. In solchen Fällen kann es aber passieren, dass der Notarzt an einem anderen Einsatzort viel dringender gebraucht würde – zum Beispiel wenn dort besondere Behandlungstechniken erforderlich sind.

Für die Zweifelsfälle: Telemetrie und Telekonsultation

Eine Kombination aus Datenverarbeitung und Telekommunikation soll in solchen Zweifelsfällen helfen, wertvolle Ressourcen möglichst zielgerichtet einzusetzen. Telemetrie bezeichnet ein Verfahren, bei dem die Messwerte eines Patienten wie Pulsschlag oder Blutdruckwerte in Echtzeit per Datenfernübertragung verschickt werden können. Auch Fotos und sogar Videos lassen sich live übertragen. Ein speziell geschulter Notarzt beurteilt dann diese Daten auf dem Monitor.

Die Zeit optimal nutzen

Mit Hilfe dieser Telekonsultation können sich Arzt und Rettungsassistenten schnell über die richtige Behandlung und das geeignete Krankenhaus verständigen. Und in Fällen, in denen der mobile Notarzt noch unterwegs ist, kann die Besatzung des Rettungswagens schon mit der medizinischen Versorgung beginnen und nach Anleitung des Online-Notarzt auch erweiterte Maßnahmen durchführen. So werden wertvolle Minuten gespart. Das verbessert die Qualität der Versorgung und kann sogar Leben retten.

Pilotprojekt der RKiSH geplant

Ab kommendem Jahr will die RKiSH in einem Pilotprojekt herausfinden, welche Art und welcher Anteil der Notarzteinsätze in Schleswig-Holstein durch solche Telekonsultationen sicher abgedeckt werden könnten. Dazu stattet die RKiSH eine Reihe von Rettungswagen mit neuem EKG, Videokamera und einer Art „Fahrzeugrouter“ aus. Der ist in der Lage, alle verfügbaren Mobilfunknetze zu bündeln, damit auch große Datenmengen in Echtzeit übertragen werden können.

Mit dem Projekt wollen wir wichtige Fragen beantworten: Reicht die Mobilfunk-Versorgung auch in den ländlichen Gebieten zuverlässig für solche Anwendungen aus? Welche Technik ist die beste? Und wie stark unterstützt das System die Rettungskräfte tatsächlich bei der Patientenversorgung?

Denn eins ist klar: Telemetrie und Telekonsultationen können und sollen einen Notarzt am Einsatzort nicht ersetzen. Vor allem bei komplexen Erkrankungen, bei Schwerverletzten oder auch bei Notfällen mit Kindern ist ein erfahrener Mediziner unverzichtbar. Damit dieser aber auch in einigen Jahren noch selbstverständlich zur Verfügung steht, müssen die richtigen Weichen jetzt gestellt werden.

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