Es geht um eine koordinierende Funktion 
im Gesundheitswesen

Von Anfang an – seit 2005 – ist Michael Reis Geschäftsführer der gemeinnützigen Rettungsdienst-Kooperation (RKiSH). Seit 1996 arbeitet der studierte Wirtschaftsingenieur und Betriebswirt im Rettungsdienst. Ein Gespräch über Erreichtes und die Zukunft.

Gespräch mit …

Michael Reis, Dipl.-Betriebswirt
Geschäftsführer

2015 feiert die Rettungsdienst-Kooperation 10-jähriges Firmenjubiläum. Gleich zu Beginn eine Zukunftsfrage: Wie wird die RKiSH im Jahr 2025 aussehen?

Wir werden dann schätzungsweise 1000 Mitarbeiter haben, dazu 130, 140 Rettungswagen. Und wenn ich eine Vision beschreibe, dann haben wir 2025 eine gut gehende Krankentransportflotte, die termintreu und verbindlich das Entlassungsmanagement der Krankenhäuser und das Einweisungsmanagement von niedergelassenen Praxen übernimmt. Im Bereich Notfallrettung arbeiten wir leitlinienkonform mit anschließenden Supervisions-Systemen und haben eine nahtlose Versorgungskette zwischen Rettungswagen und Therapie-Diagnostik im Krankenhaus.

Damit beschreiben Sie eher äußere Erscheinungen und Prozesse. Was heißt das für das System dahinter?

Ich glaube, dass sich der Rettungsdienst die Kompetenz aneignen kann, in Situationen vor Ort auch die Entscheidung treffen zu können, ob ein Krankenhausaufenthalt notwendig ist oder nicht. Dafür muss es aber auch die rechtliche Grundlage geben, und da müssen alle Player mitspielen. Es geht nicht darum, irgendetwas nur zu vermeiden, sondern im Gesundheitswesen eine koordinierende, lenkende Funktion zu übernehmen. Das war früher einmal klassisch der Hausarzt. Der hat sich nun auch ein Stück zurückgezogen. Dafür gibt es alle zehn, zwölf Minuten eine Rettungswache. Wir sind die Ersten, die hinfahren. Aber nicht jeder Patient ist ein Fall fürs Krankenhaus.

Das hört sich nach zwei Dingen an: Zum einen haben Sie die Krankenhäuser gegen sich. Zum anderen: Wenn ich als Bürger auf dem Land lebe und einen Hausarzt brauche, rufe ich in Zukunft die 112 an.

Sie können den Hausarzt nach wie vor anrufen. Aber es gibt ja bestimmte Zeiten, in denen Sie den Hausarzt nicht erreichen. Und da haben wir doch aus meiner Sicht ein unsinniges System, dass der Patient über die Schwere seiner Erkrankung entscheiden muss, über das Beurteilen der eigenen Notfallsituation oder der Notfallsituation eines Dritten. Rufe ich 112 an, kommt der Rettungswagen. Andernfalls rufe ich beim ärztlichen Bereitschaftsdienst an, und dann darf ich vielleicht sechs, sieben, acht Stunden auf einen Arzt warten. Das muss in einer Hand liegen, denke ich.

Neben dem Rettungsdienst betreibt die RKiSH auch Krankenbeförderung. Wie wird es mit diesem Bereich weitergehen?

Wir sind davon überzeugt, dass es auch aus demografischen Gesichtspunkten heraus immer mehr Krankentransporte geben wird. Ich glaube, dass es sinnvoll ist, Fahrzeuge umzuwidmen, sie als reine Krankentransportwagen entsprechend der gültigen Norm auszustatten und sie als entsprechende Krankentransportfahrzeuge zu organisieren sowie letzten Endes zu disponieren. Ich glaube, dass das sinnvoll ist, um den Bedarf zu bedienen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass das auch ein interessanter, alternativer Arbeitsplatz sein kann, ohne Schichtdienst und Belastungen durch Notfalleinsätze. Das möchte ich gerne entwickeln. Es holpert im Moment noch ein bisschen, aber da sind wir zuversichtlich.

Gibt es bei allen diesen möglichen Veränderungen eine Grund-DNA der RKiSH, die es immer geben wird?

Eine der Säulen ist und bleibt, dass wir ein kommunaler Rettungsdienst sind. Das ist ganz wichtig für uns alle. Wir haben nur Rettungsdienst, aber wir leben halt auch Rettungsdienst. Das ist in der Branche neben den rein privaten Anbietern einmalig, die ein viel größeres Portfolio haben. Dass wir nur Rettungsdienst haben, ist insofern unser Glück, aber auch unsere Chance. Wir können ihn mit aller Leidenschaft und mit allem Engagement gestalten und nochmal ganz andere Akzente setzen in der Branche.

Können Sie dazu ein Beispiel geben?

Wir können zum Beispiel Themen ein Stück schneller denken und sie ein Stück schneller umsetzen. Wir sind nur unseren Gesellschaftern verpflichtet. Die haben uns gegründet, um Rettungsdienst zu betreiben. Und insofern habe ich da weniger Rücksicht zu nehmen auf andere, die auch berechtigte Interessen in einem diversifizierten Unternehmen haben.

Sie haben mal von einem „RKiSH-Effekt“ gesprochen. Was meinen Sie damit genau?

Ich glaube, dass man auch mal in Vorleistung gehen kann. Dass man Dinge bewegen kann, die für den Rettungsdienst wichtig sind. Es findet auch in anderen Gegenden ein Nachdenken statt, ob die eigenen Strukturen die richtigen sind. Das ist meines Erachtens noch viel zu wenig, noch zu zögerlich. Aber es gibt genügend Beispiele für stattfindende Re-Kommunalisierung.

Ist die kommunale Struktur auch ein Vorteil für Mitarbeiter, weil sie Sicherheit verspricht?

Ja. Ich glaube schon, dass eine kommunale Struktur und dadurch die Tarifbindung den Mitarbeitern Sicherheit gibt. Wenn ich mir andere Bereiche ansehe, in denen der Rettungsdienst alle fünf Jahre neu ausgeschrieben wird, gibt es da oft nur befristete Arbeitsverträge. Das ist einfach als Lebensplanung für Beschäftigte schwierig.

Gibt es auch Nachteile der kommunalen Organisationsstruktur?

Es kann bei Strukturen im kommunalen Bereich natürlich sein, dass verschiedene politische Ansätze zusammenkommen. Hier gilt es zu informieren und zu vermitteln.

Nun haben Sie in der kommunalen Struktur auch eine eigene Rettungsdienst-Akademie aufgebaut. Welchen Stellenwert hat die Akademie innerhalb des Unternehmens?

Die Akademie der RKiSH hat eine ganz herausragende Stellung. Auf der einen Seite für die Erstqualifizierung zum Notfallsanitäter. Da haben wir an unserer Akademie quasi einen Schulbetrieb und bilden zukünftige Mitarbeiter aus. Auf der anderen Seite hat sie für den Bereich der betrieblichen Fort- und Weiterbildung einen herausragenden Stellenwert. Und die Akademie kann auch so etwas wie eine Ideenwerkstatt werden, die Akzente setzt. Gerne auch in der kompletten präklinischen Notfallmedizin. Das wird vielleicht erst in ein paar Jahren zum Tragen kommen.

Macht sich das jetzt schon an bestimmten Dingen fest?

Das macht sich daran fest, dass wir jetzt das Thema Simulation ausbauen und uns überlegen, wie wir uns da inhaltlich aufstellen. Wir sind Mitglied in der erst 2014 neu gegründeten Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Simulation in der Medizin, DGSiM. Wir entwickeln konkrete Konzepte, um das Thema vor allen Dingen in die Ärzteschaft und in andere Rettungsdienste zu bringen.

In der Akademie lernen ihre Mitarbeiter regelmäßig neue Dinge. Was bedeuten lernende Mitarbeiter für ein Unternehmen wie die RKiSH?

Sie sind das A und O oder das Salz in der Suppe. Wir verstehen uns als lernende Organisation und verwenden den Begriff lebensbegleitendes Lernen. Wir wollen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern deutlich machen, dass es nicht um Pflichtfortbildung, sondern um Qualifizierung geht. Darum, am Ball zu bleiben. Es geht darum, sich selbst zu qualifizieren, um sich notfalls auch neue Perspektiven innerhalb des Unternehmens zu eröffnen.

Was sind in Zeiten des Fachkräftemangels und der älter werdenden Gesellschaft die größten Herausforderungen für den Rettungsdienst?

Mitarbeiter zu gewinnen und zu binden ist die größte Herausforderung. Fahrzeuge zu bauen, Medizintechnik zu beschaffen, das ist alles nicht das Problem. Aber Mitarbeiter zu motivieren, junge Leute zu motivieren, diesen Beruf zu ergreifen, diesen Beruf bei der RKiSH zu ergreifen und zu bleiben, das ist die größte Herausforderung, die wir haben.

Wenn junge Menschen überlegen, den Beruf Notfallsanitäter zu lernen, aber wegen Schichtdienst und Belastung zweifeln – was sagen Sie denen, um sie zu überzeugen?

Dass es im Gesundheitswesen keinen besseren Job gibt. Wenn man im Gesundheitswesen arbeiten will, dann ist Rettungsdienst die Herausforderung. Dadurch bieten sich Entwicklungschancen für ein ganzes Leben in der Gesundheitswirtschaft. Und da bietet die RKiSH erstklassige Voraussetzungen und fördert genau diesen Weg auch.

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